Moderne Seher

Foto: Nathalie Bertrams

 

In Moderne Seher spannt Volkmar Mühleis sprachlich und bildlich einen weiten Bogen: von einem Gedicht aus zwei Zeilen bis zum Langgedicht über mehrere Seiten, von Motiven der Antike – mythischen Gestalten wie Daphne oder dem Kentauren, halb Pferd, halb Mensch – bis hin zu Moderne und Gegenwart. Szenen aus dem Berliner Tiergarten stehen neben dem Irrflug einer Tsetsefliege, Momentaufnahmen aus deutschen Überschwemmungsgebieten neben einem Lob der Wahlhelfer oder den Zeugnissen von Migranten. Politik, Alltag, Nähe und Ferne durchdringen sich, werfen Schlaglichter auf das vielschichtige Ineinander unserer Lebenswelt heute, über die Grenzen hinweg. Weder Durchblick noch Vision kennzeichnen den Band Moderne Seher, vielmehr ein Panorama der Sichtweisen, Vorstellungen, Denkbilder, das zum Nachsinnen, Staunen und freudigen Lesen einlädt.

Moderne Seher

Gedichte

erschienen 2026 im Athena-Verlag, Oberhausen

102 Seiten kosten 17,90 Euro

 

Interview mit Volkmar Mühleis zu seinem Buch »Moderne Seher« von Alina Braucks

Soeben ist Dein neuer Lyrikband »Moderne Seher« erschienen. In einem Satz: Was erwartet die Lesenden?

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – das Wirken mythischer Figuren in unseren Träumen, Beobachten surrealer Momente im Alltag, Erfahren einschneidender Veränderungen, in nächster und immer auch historischer Umgebung, mit Blick auf Migration, politische Utopien, Liebe in Zeiten ständiger Bedrängnis.

Im titelgebenden Gedicht lesen wir »aus der Zeitung die Zukunft«. Welche Rolle spielen Prognosen und Deutungen in unserer Gegenwart?

Wir müssen handeln, ohne die Folgen absehen zu können, und dieses Risiko versucht man durch Vorhersagen zu bannen, durch Kalkulation in ständig sich gleichbleibende Selbigkeit zu verwandeln, in die stets aktuelle Maske digitaler Suchmaschinen, über die alles jederzeit errechenbar scheint. Die Zeitung »von morgen« ist ein ironisches Aperçu dazu. Sich zu informieren sollte eine Hilfe sein mit Risiken umzugehen, nicht sie völlig auszublenden.

Antike Figuren wie Daphne oder der Kentaur treten neben U-Bahn-Szenen, Wahlhelfern oder Überschwemmungsgebieten auf. Warum ist die Antike für die Gegenwart noch produktiv?

Weil sie ein Zwischenland von Bewusstem und Unbewusstem, Eigenem und Geteiltem, Ersehntem und Gefürchtetem bleibt.

»Die Große Wanderung«, das letzte Gedicht in Deinem Band, verbindet Fluchtgeschichten mit literarischen und historischen Stimmen. Wie entstand dieses Langgedicht?

Andreas Erb, Redakteur der Literatur- und Kunstzeitschrift die horen, wählte für die Jubiläumsausgabe zum 300. Erscheinen das Thema Gehen, in Anlehnung an Friedrich Schillers Elegie »Der Spaziergang« und als Hommage auch an Schiller selbst, den Gründer der Zeitschrift. In dem Gedicht steht die Zeile »Wanderer, kommst du nach Sparta«, die Heinrich Böll später mit seiner Erzählung eines Versehrten des Zweiten Weltkriegs aufgriff, »Wanderer, kommst du nach Spa…«. Erb kannte mein Gedicht »Neusser Landstraße« über das Gehen entlang dieser Straße im Kölner Umland und fragte, ob ich einen Beitrag schreiben mag. Da in der Zeitschrift Wort und Bild zur Geltung kommen, habe ich die Fotografin Nathalie Bertrams angesprochen, ob ich zu ihren Bildern von Flüchtlingen auf Lesbos und Idomeni ein Gedicht schreiben dürfe, wir also gemeinsam eine Serie veröffentlichen würden, da ich Fragen zu Flucht und Vertreibung bis in die Gegenwart hinein thematisieren wollte. Sie stimmte zu, wir wählten fünf Fotos aus, zu denen der Text entstand, stets von Zitaten aus Gedichten von Ali Alzaeem, Rojin Namer bzw. Abdul Ahmad Pouya über ihre eigene Flüchtlingserfahrung eingeleitet, aus dem Sammelband »Sei neben mir und sieh, was mir geschehen ist«, der 2024 veröffentlicht wurde. Eines der Fotos von Bertrams ist nun das Titelbild von »Moderne Seher«.

Wenn Leserinnen und Leser nach der letzten Seite von »Moderne Seher« etwas mitnehmen sollen – was wäre Dir am wichtigsten?

Erfüllung über die Freude zutiefst stimulierter Einbildungskraft.

Vielen Dank für das Gespräch.